Deutschland ist Teamweltmeister im Supermoto

09_smon_nopa_02Was ist denn da in Bulgarien passiert?

Verwundert schütteln wir unsere weisen Häupter und starren mit offenen Mündern auf die Bilder der Siegerehrung der Supermoto of Nations vom vergangenen Wochenende. Ist das wirklich passiert und wenn ja, wie?

Nun, wir wollen mal versuchen, das Mysterium zu beleuchten und herausfinden, warum es so kam, wie es gekommen ist.

Wie schon im letzten Jahr, lag der Termin für das eigentliche Highlight der Supermoto Saison recht ungünstig, er überschnitt sich mit dem Showevent in Mettet, bei dem es neben Ruhm und Ehre auch satte Preisgelder gibt, es folgen noch drei WM Wertungsläufe und obendrein liegt Pleven nicht gerade zentral (der Truck des deutschen Teams bekam in 37 Stunden 2377km aufgebrummt, und das nur bei der Hinfahrt!) und so scheuen viele die hohen Reisekosten. Franzosen und Briten nannten also gar nicht und das italienische Team reiste mit einer vermeintlichen „B“ Besetzung an, was Angesichts von immerhin zwei WM Piloten im Dreierteam aber nicht so ganz stimmt.

Somit galten die Bulgaren als Favorit auf den Titel, schließlich belegten sie im Vorjahr Platz 3 und trainieren regelmässig in Pleven, die Fahrer kennen jede Bodenwelle des aussergewöhnlichen Tracks mit Vornamen.

Da sich auch in Deutschland keine 3 Top Fahrer zusammenfinden liessen, beschloss der Teamchef, Thomas „The Voice“ Deitenbach, auf 3 Young Guns zu setzen, junge Wilde, die sich in der DM in den Top Ten tummeln und schon mehrfach aufhorchen liessen. Julian Becher (Kawasaki, S1), Nico Joannidis (Husaberg, S2) und Jan Deitenbach (Suzuki, Open) sollten die deutschen Farben in Bulgarien vertreten und an den Erfolg vom letzten Jahr anknüpfen. Ziel war eine Top Five Platzierung, der heimliche Wunsch war es, den vierten Platz der Crosser zu unterbieten.

09_smon_nopa_01Um das schmale Budget zu schonen, wurde das Team so klein wie möglich gehalten (3 Fahrer, 3 Mechaniker, ein Teamchef und zwei Trucker, die vor Ort die unterschiedlichsten Aufgaben übernahmen) und ein günstigeres Hotel gewählt als im Vorjahr, was sich als Glücksgriff herausstellte. Die Lage etwas ausserhalb der Stadt mit ihrem pulsierenden Nachtleben versprach Ruhe, die Zimmer waren gut und das wieselflinke Personal im Hotelrestaurant verwöhnte das Team nach besten Kräften. Die Anreise erfolgte am Donnerstag im Flieger, während das Material bereits am Dienstag in einem von Suzuki Deutschland bereit gestellten 7,5 Tonner auf dem Landweg erfolgte. Bis zum Dienstagmorgen war jedoch noch nicht klar, wer den Schreiber dieser Zeilen auf der langen Tour durch Transsilvanien und die Karpaten begleiten würde. Der ursprünglich verpflichtete zweite Fahrer war nicht aufzufinden und so wurde am Montag bis zum späten Abend telefoniert und gar ein Aufruf im supermoto.de Forum gestartet, um einen Freiwilligen zu finden. Am Dienstagmorgen stand dann fest, das sich Jean Pierre Delporte, erfahrener IDM Trucker und Hitachi Vertreter, bereit erklärte, sich spontan auf das Abenteuer SMoN einzulassen.

Am Freitag machte sich das Team daran, seinen Platz im Fahrerlager dem Anlass entsprechend aufzubauen und WM Luft zu schnüffeln.

Dazu gehörte auch die technische Abnahme mit offiziellem Wiegen der Bikes, wobei sich Nicos Berg als ebensolcher herausstellte, das Trumm bringt satte 125 kg auf die Waage (mit ganz wenig Sprit!)

Am Samstag wurde es dann Ernst, nach nur einem freien Training stand die Qualifikation auf dem Zeitplan. Jeweils in ihren Klassen traten die Fahrer bei strahlendem Sonnenschein und satten 33° C zum Zeittraining an, in dem aber nur die Plätze für das Qualifying Race ermittelt wurden. Die Startplätze werden beim SMoN im harten Fight, Mann gegen Mann, vergeben.

 

Qualifying Race S1

Der neue deutsche Meister Petr Vorlicek (CZE, Suzuki) sicherte sich vor Julian Becher und Angel Karanyotov (BUL, KTM) die Pole Position. Unangefochten führte Vorlicek das Rennen über die gesamte Distanz vor Becher an, Karanyotov musste sich kurzzeitig Viktor Bolsec (KRO, Honda) beugen, räumte diesen aber kurzerhand ab und machte sich somit viele Freunde.

 

Qualifying Race S2

Nastran Uros (SLO, Husqvarna), der auch in Deutschland durch Gaststarts in der DM bekannt ist, sicherte sich Platz 1 vor Alexander Georgiev (BUL, KTM) und Paolo Gaspardone (ITA, Honda). Nico Joannidis kämpfte und machte aus Startplatz 7, nachdem er beim Start noch auf Platz 8 rutschte, eine sechste Position bei der Zieldurchfahrt.

 

Qualifying Race Open

Rosen Tonchev (BUL, KTM) hatte im Ziel die Nase vorn und verwies Lorenzo Mariani (ITA, TM) und Christian Nilsson (SWE, Yamaha) auf die Plätze. Jan Deitenbach liess es krachen und sprintete von Startplatz 8 aus auf die vierte Position.

Aus diesen Platzierungen in den Qualifying Races ergaben sich dann die folgenden Startplätze für die Rennen am Sonntag:

  1. Bulgarien
  2. Italien
  3. Deutschland
  4. Schweden
  5. Tschechien
  6. Spanien

 

Für die Spanier sprang nicht mehr als ein sechster Platz heraus, weil Angel Grau am Morgen im freien Training in den Whoops heftig abgeflogen war und sein Qualifikationsrennen nicht fahren konnte.

Der Sonntag erwartete die Teams mit Nebel und kühlen Temperaturen zum Warm Up, das unsere Fahrer nutzten, um im Formationsflug über den Track zu düsen und den Teamgeist zu stärken.

Die Sparsamkeit bei den Flügen und der Unterkunft versetzte Team Germany in die Lage, zumindest in der Reifenfrage gut gerüstet zu sein, es gab zu jedem Lauf flammneue Dunlopsohlen für die Bikes und ein solides Selbstvertrauen für die jungen Wilden. Die Fachleute von Dunlop standen bereits am Samstag mit präzisen Analysen zum Reifenbild zur Verfügung.

Am Mittag wurde es dann Ernst, der erste Lauf zur Supermoto of Nations stand auf dem Programm, Julian Becher und Nico Joannidis traten an, um den dritten Platz aus der Qualifikation von den Startplätzen 3 und 19 aus zu verteidigen.

 

Race 1 (S1 + S2)

09_smon_nopa_03Angel Karanyotov gelang der Holeshot, Julian Becher drückte sich am Start an Paolo Gaspardone vorbei auf Platz zwei. Der italienische WM Pilot machte aber schnell Ernst und eroberte die Position nach zwei Runden wieder zurück um dann sofort Karanyotov unter Druck zu setzen. Becher drehte auf Platz 3 seine Runden, Petr Vorlicek im Schlepptau, und ging kein Risiko ein. Nico Joannidis legte einen Bombenstart hin und pushte von Platz 12 aus in Richtung Spitze. Alexander Georgiev startete auch perfekt und war schon bis auf Platz 8 vorgefahren, als er die KTM erdete und weit zurück fiel. Für ihn sprang am Ende nur Platz 13 heraus, Nico Joannidis schaffte es bis Platz 8 und so sorgte er für ein schmales Punktekonto. Gaspardone ging in Runde 7 an die Spitze und verteidigte die Führung bis ins Ziel. Karanyotov belegte Platz 2, Julian Becher fuhr souverän auf 3 durchs Ziel.

Italien und Deutschland lagen nun Punktgleich (11Pkte) auf Platz 1, dahinter Bulgarien (15Pkte) und Österreich (19Pkte).

 

Race 2 (S2 + Open)

09_smon_nopa_04Georgiev gehörte First Corner und er gab die Spitze auch nicht mehr aus der Hand. Joannidis setzte sich gegen Gaspardone durch und Uros Nastran sortierte sich auf Position vier ein. Nach der ersten Runde geriet Nico Joannidis beim Einbiegen auf Start/Ziel ins Sandwich von Gaspardone und Nastran, verhakelte sich mit dem Lenker und ging zu Boden. Er liess die Husaberg aber nicht los und sprang wieder auf, nachdem die Rutschpartie quer über den Track beendet war. Als Zehnter nahm er das Rennen wieder auf und orientierte sich gleich nach vorne. In Runde 7 hatte er bereits wieder Boden gut gemacht, als sein Ausgleichsbehälter an der Vorderradbremse verlustig ging. Ein ausgerissenes Gewinde war Ursache des Missgeschicks und Nico wurde trotz verbissenen Kampfes mit dem fast ungebremsten Trumm (der geneigte Leser erinnert sich an die Szene beim Wiegen!) nach hinten bis auf Platz 21 durch gereicht. Jan Deitenbach tat inzwischen das, was er die ganze Saison in der DM auch schon getan hat: er tankte sich durch das Feld. Von seiner 19. Startposition aus kämpfte er sich auf Platz 9 vor und rettete wichtige Punkte für das deutsche Konto. Nicos 21ster Platz wurde später als Streichergebnis verwendet und war daher zu verschmerzen. Team Finnland hatte sich unauffällig auf die Plätze 4 und 11 geschlichen und stand nun knapp vor den Deutschen auf Platz 3. Bulgarien wurde Erster und Achter und war somit Zweiter in der virtuellen Wertung. Italien machte einen super Job und setzte sich durch Platz 3 und 5 an die Spitze.

 

Intermezzo:

Leicht betretene Gesichter im deutschen Lager, aber Teamchef Thomas Deitenbach beruhigte die Youngster und nach einer kurzen Beratung verzichtete Jan Deitenbach auf den Platz in der ersten Reihe, der ihm nach der ursprünglichen Planung zugestanden hätte. Nachdem alle Drei in der Qualifikation sehr gut gefahren waren, sollte jedem die Ehre und Freude zustehen, aus der ersten Reihe zu starten, Jan war aber der Meinung, Becher habe die bessere Performance um das Rennen von vorne aufzunehmen und er selbst habe ja lange genug trainiert von weiter hinten anzugreifen.

Leider war es ihm hierdurch nicht möglich, den Gruß an das Forum in die Fernsehkameras zu halten, was hiermit nachgeholt sei. „Vierauge grüßt das Forum!“ :-)

Noch eine schwere Entscheidung musste getroffen werden, durch das knappe Personal im Team musste Sascha, der Mechaniker von Nico Joannidis, beim Teamzelt bleiben. Im Fahrerlager waren sehr viele Menschen unterwegs und man wollte ja niemanden in Versuchung führen. Sascha löste die missliche Situation jedoch, indem er samt Hubständer so nah wie möglich zur Strecke lief und sich auf den Ständer stellte. So konnte er das Rennen halbwegs verfolgen und trotzdem seiner Aufgabe als Wachmann nachkommen.

 

Race 3 (S1 + Open)

09_smon_nopa_05Lorenzo Mariani presste sich als Erster in die Startkurve, Becher hing in seinem Heck und Christian Nilsson sortierte sich dahinter ein. Karanyotov verstrontzte den Start komplett und ging als 10ter auf die Reise. Besser machte es Jan Deitenbach, er war in First Corner bereits Sechzehnter und ging gleich auf Angriff. Runde um Runde überholte er seine Konkurrenten und erreichte in Runde sieben bereits Position 7. Die Boxencrew zeigte ihm dann an, er solle kein Risiko gehen und Jan schaltete für den Rest des Rennens auf „Save Modus“. An der Spitze ging Mariani in Runde zwei zu Boden und schmiss sich vor Bechers Vorderrad. Julian machte seinem Spitznamen „Brecher“ alle Ehre und befreite sich aus der Klemme, indem er über Marianis Arm rollte. Anders kam er auch nicht aus dieser Situation heraus, Mariani hatte die Kawasaki quasi umzingelt. Becher nahm das Rennen als Fünfter wieder auf und suchte den Weg an Viktor Bolsec und Hannes Maier vorbei. In Runde drei hing Becher schon wieder am Heck von Nilsson und bekam nun auch das Signal aus der Box: „No Risk“. Er versuchte zwar weiter, den Schweden nervös zu machen und in einen Fehler zu treiben, riskierte aber kein Überholmanöver. Als in Runde 5 die Husqvarna des Italieners Bartolini streikte, und Angel Karanyotov zu Boden ging, stieg die Nervosität in der deutschen Box. Plötzlich war man virtuell Erster! Jetzt nur keinen Fehler mehr machen und hoffen, dass die beiden Bulgaren nicht all zu viele Plätze gutmachen können. Karanyotov versuchte genau dieses aber, traf jedoch immer wieder auf einen seiner vielen Freunde, die er sich im Qualifying Race gemacht hatte. Rosen Tonchev hatte zwar mehr Fortune als sein Teamkollege, kam aber über Platz 9 nicht hinaus und lag somit hinter Jan Deitenbach. Die fleissigen Finnen blieben wieder unauffällig und ernteten die Plätze neun und zwölf und damit letztlich den dritten Gesamtrang. Bulgarien kam auf 10 und 11 durchs Ziel und war Zweiter. Das deutsche Team fuhr mit Herz und Hirn auf die Plätze 3 und 7 und somit stand fest: Platz 1 in der Gesamtwertung, Weltmeister!

09_smon_nopa_07Julian Becher hatte dies bei der Zieldurchfahrt noch gar nicht realisiert, ebenso wenig Jan Deitenbach. Die Beiden erfuhren von ihrem Sieg von der Fernsehmoderatorin Georgia Lindsay, die die Jungs an der Streckenausfahrt erwartete. Nico Joannidis wurde in der Box aufgeklärt und stellte danach einen neuen Weltrekord über die 400 m Strecke zwischen Box und Streckenausfahrt auf, um in den Siegesjubel seiner Teamkollegen einzufallen. Bei der anschliessenden Siegerehrung ging es leicht chaotisch und sehr feucht zu, man merkte spätestens hier, dass die Young Guns noch nicht viel internationale Erfahrung haben.........

Und Allen, die es immer noch nicht glauben können, ein letzter Satz: Es ist wirklich wahr, ich war dabei, habe mich nach der Siegerehrung ganz feste gekniffen und dann ein paar Tränen der Freude und des Stolzes vergossen. Deutschland ist Supermoto-Mannschaftsweltmeister!

nopa

Auf MotoMonster.de findet sich der gleiche Bericht. In Anbetracht der Tatsache, dass man dort kommentieren kann, würden wir uns freuen, wenn Glückwünsche an die Fahrer, besser gesagt das Team, zahlreich eintreffen. Für diese geile Nummer darf man die Jungs ruhig ein wenig loben.

 

Hier die beiden ersten Rennen in Zusammenfassung und der alles entscheidende letzte Lauf in voller Länge. Das Video zeigt die Siegesfreude, einen Tommi Deitenbach, der jegliches Feingefühl für das englische "th" verloren hat und eine packende Meisterfeier samt Interviews.

 

?